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29.07.2018 TAGESPRESSE: Naturschützer gegen Wirtsleute: Am Rohrspitz steht der Showdown bevor

Die Firma Salzmann will am Rohrspitz ihr Restaurant erneuern und die Freizeitanlagen erweitern. Doch Naturschützer laufen dagegen seit Jahren Sturm. Bald entscheidet die letzte Gerichtsinstanz. Die Gegner drohen zu scheitern.

Eine der Hauptsprachen am Rohrspitz ist Schweizerdeutsch. In der Hitze suchen dort unzählige Badegäste Abkühlung. Doch die Idylle der ans Ufer plätschernden Bodenseewellen trügt: Naturschützer und der bauwillige Grundstückbesitzer tragen hier seit Jahren einen erbitterten Kampf aus.

Angesichts des nervtötenden, sich schon bald 20 Jahre hinziehenden Streits drängt sich eine Frage auf: Will Besitzer Günther Salzmann, der sich der Pension nähert, überhaupt noch bauen? «Ich muss», sagt Salzmann. Die Bauten sind in die Jahre gekommen, viele Dinge entsprechen nicht mehr heutigen Standards. Zusammen mit seiner Frau Jasmin, einer gebürtigen Rorschacherin, will er nicht aufgeben.

Zuerst war Tiefgarage für Boote geplant

Ursprünglich hatte Salzmann grosse Pläne für das rund 30 Hektare grosse Freizeitgelände am See. Die zuständigen Behörden, das Land Vorarlberg, die unmittelbar zuständige Bezirkshauptmannschaft Bregenz und die ­Gemeinde Höchst hatten jedoch Bedenken. Höchst, das die Zufahrtsstrasse unterhalten muss, während die Steuern der Anlagen nach Fussach fliessen, reagierte säuerlich. Die Behörden gaben zu verstehen, das ­Vorhaben sei so monströs kaum umsetzbar. Entstehen sollte am Polderdamm ein kleines Hotel, Wohnungen und einige zusätzliche Stellplätze für Camper. Unter dem Gebäude war eine Tiefgarage für Boote geplant – unvorstellbar für die sich unter dem Namen «Unser Rohrspitz» formierenden Gegner.

Pläne reduziert, Widerstand blieb

Salzmann reduzierte seine Baupläne deutlich. Das Restaurantgebäude sollte kleiner werden, die Bootsgarage wurde gestrichen. Vor allem wegen des – technisch machbaren – Durchbruchs des Polderdammes, durch den die Gegner die Hochwassersicherheit gefährdet sahen. Die Frage der Aushubdeponie wurde nach langem Streit geklärt. Die Gemeinde Fussach befürwortete mehrheitlich das Bauvorhaben. Die Bezirkshauptmannschaft genehmigte die verkleinerten Pläne. Auch das von den Projektgegnern angerufene Verwaltungsgericht sah letztlich keinen Grund, Salzmanns Vorhaben abzulehnen. Salzmann hätte also die Bagger auffahren lassen dürfen.

Doch die Naturschützer – der WWF St. Gallen, die Naturfreunde Voralberg, Bird Life Österreich und der Naturschutzbund Österreich – hatten inzwischen, organisiert in der Initiative «Unser Rohrspitz», rund 5000 Unterschriften gesammelt. Aufgeben kam für sie nicht in Frage. Die Gegner wandten sich an den Verwaltungsgerichtshof in Wien, wo der Fall nun liegt und sich zieht wie der in Österreich sprichwörtliche Strudelteig. «Wann der Verwaltungsgerichtshof entscheidet, weiss ich nicht», sagt Salzmann. «Das kann ein halbes Jahr dauern oder fünf Jahre.» Mit Bitternis fügt er hinzu: «Ich habe bisher 1,5 Millionen Euro für Umplanungen und geforderte Gutachten ausgegeben, und inzwischen sind die Kosten für das Projekt, ursprünglich 10 Millionen Euro, um mehr als 50 Prozent angestiegen.»

Finanziell dürfte Günther Salzmann nicht gerade Not leiden. Seine gesamte Anlage in dem behördlich als Freizeitzone eingestuften Uferstreifen zwischen den Restaurants Glashaus und Salzmann umfasst 137 Campingplätze, dazu 45 Plätze für Tagescamper, 192 Bootsliegeplätze und 540 bewirtschaftete Parkplätze für Autos, dazu kommen eine Wasserskischule und ein Hafen für das Partyschiff «Elisa». Während der Saison biete die Salzmann GmbH rund 40 Ar­beitsplätze. Die wirtschaftlichen Interessen bestreitet Günther Salzmann nicht. «Darüber hinaus ist das aber meine Heimat. Ich bin hier aufgewachsen, und dafür werde ich kämpfen.»

Naturschützer werfen Amtsmissbrauch vor

Kaum weniger kämpferisch ist Elke Wörndle. Die Sprecherin von «Unser Rohrspitz» sieht ein «Spielchen» zwischen Bezirkshauptmannschaft Bregenz und Salzmann. «Und der Fussacher Bürgermeister, ein FPÖler, sieht nur die wirtschaftlichen Interessen der Gemeinde.» Weder die Bezirkshauptmannschaft noch das Vorarlberger Verwaltungs­gericht hätten genügend genau hingeschaut, als sie dem Projekt zustimmten, sagt die grüne Gemeindepolitikerin aus Fussach. Auch die Entscheidung des obersten Verwaltungsgerichts Österreichs will sie nicht akzeptieren. Vorbeugend hat die Spitze von «Unser Rohrspitz» bei der Staatsanwaltschaft bereits Protest eingereicht. Der Bezirkshauptmannschaft Bregenz wirft sie nichts weniger als «Amtsmissbrauch» vor.

Einige Vögel sind ausgestorben

Zu den Naturbeobachtern im Rheindelta gehören die Hobbyornithologen. Über 300 Vogelarten leben ganzjährig oder als Zugvögel am See. Einige Arten sind verschwunden, so etwa die Uferschnepfe und ein paar andere Bodenbrüter, die besonders gefährdet sind. Die Brachvögel halten sich, Bekassinen hört man nur noch selten «meckern», ein paar Bartmeisen suchen Schilfsamen. Viel Glück braucht es im Herbst, um ein Blaukehlchen auf dem Zug in den Süden zu entdecken.

Eine Besucherlenkung ist seit Jahren angestrebt. Sogar ein Vogelbeobachtersteg wurde gebaut, damit die Liebhaber der Vögel nicht querfeldein umherstreunen und Tiere aufschrecken. Doch: «Es fehlt ein Verkehrskonzept, das wirkt», bemängelt Elke Wörndle. Zu Tausenden bewegen sich Velofahrer auf der Polderdammkrone. Jogger laufen durch die Rietwiesen. Boote kommen dem Schilfgürtel zu nahe. Wörndle: «Die Leute müssen begreifen, dass die Natur im Rheindelta in einem schlechten Zustand ist. Ein Mehr an Besuchern ist gegen die Erhaltung.» Günther Salzmann bleibt Realist. «Als wir am Rohrspitz begannen, hatte Vorarlberg vielleicht 200'000 Einwohner.» Nun sind es bald 400'000. Dazu kommen Scharen von Besuchern. «Irgendwo wollen die Leute ihre Freizeit ­verbringen.»


Gernot Grabher